"Viele arbeiten ihre internationale Karriere auf, indem sie rückblickend nach dem Sinn ihres eigenen Tuns fragen und sich sozusagen erklärend, gar rechtfertigend mitteilen. Nur wenigen gelingt es, dies mit genauem Blick auf das Nomadenleben von heutigen Expatriierten zu tun und dadurch den historischen Blick, aber auch das Verständnis für den Ausblick in die Zukunft zu erweitern. Toni Stadlers' dokumentarischer Roman tut genau das und ist deshalb so spannend wie bereichernd." (ein Leser in weltbild.ch)

 

 

 

 

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"Dieses Buch ist eine sehr interessante tour d'horizon über die globalen Fragen unserer Zeit und die darin agierenden Personen, die damit mehr oder weniger gut zurecht kommen. Sie müssen sich den Herausforderungen des modernen globalen Lebens stellen und müssen versuchen, in einer zunehmend unübersichtlichen Welt ihren Weg zu finden, sich darin zu positionieren und ihre Wertvorstellungen zu verteidigen. Das gelingt nicht jedem, wie man am dramatischen Ende des Buches erfahren wird. Sehr lesenswert!" (eine Leserin in amazon.de)

"Geistreich, humorvoll, aufrüttelnd, unbedingt lesen! Ein Buch zum Nachdenken über unsere komplexe Gegenwart. Wirklichkeitsnahe, in der Tradition von Backstabbing for Beginners and Breaking the Rules." (eine Leserin in thalia.de)

NZZ Portrait, über Buch und Autor,

25. August 2018:

Tele Z KONKRET, Interview 5.12.2016:

 

«Lieb sein taugt nicht als Konzept», Claudia Steinmann im Gespräch mit Toni Stadler, Publizist und ehemaliger Entwicklungshelfer (Link):

 

Buchtip Bulletin des Schweizer Aussenministeriums (EDA-Bulletin), Ausgabe Juli 2015:

 

TONI STADLER

GLOBAL TIMES 

ROMAN ÜBER MODERNE NOMADEN

 

«Global Times» ist ein dokumentarischer Roman zur menschlichen Situation in der Globalisierung, zeitlich angesiedelt zwischen der liberalen Fortschrittseuphorie nach dem Fall der Mauer und der Ernüchterung nach dem Scheitern des arabischen Frühlings. Fünf global mobile Professionelle erleben diese Zeit des Umbruchs auf je ihre eigene Weise und bringen das rund um die Welt erlebte Schöne und Schreckliche ins friedliche, wenn nicht ausgelassene, Milieu der Expatriierten am Genfer See: Ein ehrgeiziger UNO-Diplomat, eine Professorin der Biochemie mit Ambitionen auf den Nobelpreis, eine Kuratorin künstlerischer Performance Shows, ein leitender Ingenieur bei Airbus Toulouse/Tianjin sowie ein Militärattaché mit Kriegserfahrung an der französischen UNOMission in Genf. Wie gehen solch «moderne Nomaden» mit den kleinen und den grossen Dingen des Lebens um? Mit wechselnden Wohnorten, temporären Freundschaften, Beziehungen, Kindererziehung, ehelicher Routine, den politischen Korrektheiten, fremden Kulturen, kriegerischen Konflikten, Geschichte, Modernität, Identität? Oder, anders gefragt: Was für ein Lebensstil, was für ein Weltbild passt zu einer zunehmend mobiler werdenden Menschheit? «GLOBAL TIMES» ist im Buchladen, bei www.buch.ch, www. offizin.ch oder bei Amazon erhältlich. Es kostet CHF 29.80. «Global Times» ist keine Autobiografie, doch ist das Buch voller authentischer Ereignisse aus Kambodscha, dem Irak, Ruanda, New York und Paris. Ort und Zeit der Handlung sind historisch genau und einige wichtige Ereignisse dienen als Denkanstoss für kritische Überlegungen zur gegenwärtigen Diplomatie. Zum Beispiel zu den Grenzen der Aussenpolitik verstanden als nationale Interessenpolitik. Zum Weltsicherheitsrat und seinem fragwürdigen Konzept von «Macht vor Recht». Zur Modernisierung von Gesellschaften mit Entwicklungsgeld, durch Revolutionen oder «Social Engineering». Zu den Gemeinsamkeiten von Konfuzianismus und westlicher Aufklärung. Zur Globalisierbarkeit des Liberalismus. Zu interkultureller Toleranz, Lebenssinn mit und ohne Religion, bis hin zu Gewalt im Krieg und im Computerspiel. «Global Times» ist – trotz Unheil und Katastrophen an manchen der Handlungsorte – ein optimistisches und streckenweise witziges Buch, eine Einladung zum genauen Denken, Fühlen und Handeln, zu einer Zeit, wo in manchen Teilen der Welt Fundamentalismus, Infantilität und Gewalttätigkeit überhand zu nehmen drohen.

 

 

Sonntagszeitung, Gespräch vom 14.02.2016:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

St. Galler Tagblatt, Thurgauer Zeitung, Wiler Zeitung, Interview August 2015:

 

 

Die Heimat in der Welt gefunden

 

Aufgewachsen ist Toni Stadler in Braunau (TG) und Wil (SG). Gearbeitet hat er als UNO-Diplomat und Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz IKRK auf der ganzen Welt – unter anderem in Irak und Ruanda. Vor kurzem erschien im Offizin Zürich Verlag sein neues Buch «Global Times, Roman über moderne Nomaden».

 

URSULA AMMANN: Herr Stadler, Sie waren 20 Jahre im internationalen Dienst tätig. Haben Sie überhaupt noch einen Bezug zu Ihrer Heimatstadt Wil?

 

Toni Stadler: Selbstverständlich. Ich habe Wil mit meinen Kindern regelmässig besucht, um ihnen zu zeigen, wo ich meine Schulzeit verbracht hatte. Auch die Klassenzusammenkünfte der ehemaligen Sonnenhof-Schüler führen mich jeweils hierher. Von den politischen Entwicklungen in Wil habe ich allerdings nicht viel mitbekommen, da ich immer im Ausland stationiert war.

 

Vor kurzem ist Ihr neuer Roman «Global Times» erschienen. Hauptprotagonist Marius B. hat, wie Sie, für das IKRK und die UNO gearbeitet. Ist Marius B. Toni Stadler?

 

Stadler: Die meisten Szenen in diesem Buch sind authentisch oder mir so erzählt worden. Ich habe sie meinem Tagebuch der vergangenen 20 Jahre entnommen. Auch die politische Denkweise von Marius B. entspricht der meinen. Dennoch ist das Buch keine Autobiographie. So spielt in «Global Times» das Alter von Marius B. eine zentrale Rolle. Er befindet sich mit 45 Jahren in der Lebensmitte. Als ich mit dem Roman begonnen hatte, war ich 65. Ich habe das Lebensgefühl mit 45 Jahren aus der Erinnerung heraus beschrieben. Für mich ist das ein sehr intensives Lebensalter gewesen. Ein Alter, in dem sich zahlreiche neue Möglichkeiten auftun – sei es beruflich, in Freundschaften oder Beziehungen. Das führt nicht zuletzt zu vielen Ehescheidungen. Die sind bei international Tätigen bekanntlich häufiger als bei Sesshaften.

 

Marius B. trifft seine zukünftige Lebenspartnerin, eine Amerikanerin mit japanischen Wurzeln, bei seinem Einsatz für das IKRK in Thailand. Die Beziehung hält. Wie war das bei Ihnen?

 

Stadler: Auch das ist authentisch. Ich lernte meine Lebenspartnerin wirklich etwa so wie im Roman kennen und lebe noch heute mit ihr zusammen. Aber, keine Angst, zwar ist in diesem Roman viel von verschiedenen Beziehungsmodellen unter global Mobilen die Rede, doch mein eigenes Eheleben breite ich darin nicht aus.

 

Sie haben Kriegsereignisse vor Ort miterlebt. Hatten Sie je Angst um Ihr Leben?

 

Stadler: Es gab einige solche Situationen. Zum Beispiel ein Mörserangriff auf ein Flüchtlingslager in Thailand, ein anderes Mal ernsthafte Zwischenfälle mit Minen in Sisophon, Kambodscha. Allerdings gehört es bei Mitarbeitern des IKRK oder der UNO schon fast zum Berufsstolz, nicht über seine Ängste zu sprechen. In der Regel sind Kriegsgebiete vor Ort erlebt aber weniger furchteinflössend als im TV. Das Fernsehen hat die Tendenz, die schrecklichsten Bilder zu zeigen und die ruhigen Quartiere auszublenden. Diplomaten leben üblicherweise in Hotels oder Häusern, die gut bewacht sind.

 

Konnten Sie auch abschalten von Ihrer Arbeit?

 

Stadler: Beunruhigend ist eher, wie schnell man das Abschalten lernen kann und die schlimmen Bilder aus dem Alltag beiseiteschiebt. Das ist auch deshalb möglich, weil man als Expatriierter oft privilegiert lebt. Ich erinnere mich an Kigali, Ruanda, kurz nach dem Genozid, wo meine Familie in einem schönen Haus mit Garten wohnte. An den Wochenenden spielten wir Expatriierten Tennis oder fuhren in einen Wildpark nach Uganda.

 

Wie haben Sie den Wechsel erlebt, als Sie von Kriegsschauplätzen zurück in die «zivilisierte» Welt – nach New York – gekommen sind?

 

Stadler: Nach Jahren nahe am echten Krieg fiel mir auf, welch grosses Ausmass an Gewalttätigkeit und Blutrünstigkeit im Kino, Theater und in den Computerspielen meiner Kinder herrschte. Meine Partnerin und ich hörten auf, ins Kino zu gehen. Vielen Kulturkonsumenten im Westen fällt das viele Blut auf den Bildschirmen kaum mehr auf. Ohne moralisieren zu wollen: Mich nervte und langweilte die vorgespielte Gewalt und das falsche Blut. Auch wenn manche Experten anderer Meinung sind: Man kultiviert damit eine archaische gewalttätige Seite des Menschseins, die wir alle in uns tragen.

 

Sie sind viel mit verschiedenen Religionen in Berührung gekommen. Gibt es für Sie eine Problemreligion, die das friedliche Zusammenleben auf der Welt gefährdet?

 

Stadler: In den 20 Jahren, in denen ich im internationalen Dienst tätig war, hatte ich im Wesentlichen mit drei kriegerischen Konflikten in drei verschiedenen Ländern zu tun. Eines hatten diese gemeinsam: ihre starke Religiosität. In Irak war es der Islam, in Kambodscha der Theravada-Buddhismus, in Ruanda der Katholizismus. Mir fiel bei allen drei Religionen auf, dass sie eine Tendenz haben, ihre meist ungebildeten Gläubigen kindlich und unmündig zu halten, was sie für Mächtige manipulierbar macht.

 

Wie hat sich das geäussert?

 

Stadler: Ich erinnere mich an ein Tischgespräch mit zwei normalerweise verschleierten Frauen in Kerbala, Irak. Es waren die zwei Ehefrauen des Vaters meines UNO-Chauffeurs. Diese Frauen – eine war 50, die andere 35 – kamen mir wie Kinder vor. Sie waren es nicht gewohnt, einem Mann in die Augen zu blicken, der nicht ihr Ehemann war. Sie wussten fast nichts von der Welt ausserhalb ihres Haushalts und kicherten wie Zwölfjährige. In Kambodscha hatte ich oft erlebt, wie halbgebildete Mönche auf ihren Motorrädern in die Dörfer kamen und die Schulkinder lehrten, dass das Leben nicht dazu da sei, in den Lauf der Welt einzugreifen, sondern dass man den Lauf der Dinge meditierend geschehen lassen solle. In Ruanda waren die Pfarrer Autoritäten. Was «Hochwürden» sagte, galt auf dem Land für Jung und Alt. Die katholische Kirche war vor dem Völkermord von April bis Juli 1994 politisch sehr nahe bei der Hutu-Oberschicht. Im Genozid an den Tutsi spielte sie, milde ausgedrückt, eine fragwürdige Rolle. Als die Hutu-Regierung über das staatliche Radio anordnete, alle Tutsi im Land seien zu töten, gab es keinen Appell des Erzbischofs dagegen.

 

Derzeit wird der Islam am meisten kritisiert. Verstehen Sie das?

 

Stadler: Durchaus. Aber ich möchte in dieser wichtigen Frage aus UNO-Sicht argumentieren. Die Länder, aus denen die heutigen moslemischen oder Hindu-Immigranten kommen, sind alle Mitglieder der Vereinten Nationen, anerkennen also die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Unsere Kritik sollte sich auf all jene Kulturen und Religionen richten, deren heilige Schriften die Menschenrechte verletzen. Wörtlich genommen tun dies beispielsweise das Alte Testament, der Koran oder auch einige alte Texte des Hinduismus. Respekt verdient, was die Menschenrechte beachtet und die Menschen wissender und mündiger macht. In einem liberalen Rechtsstaat wie der Schweiz verbietet man dennoch keine Religion. Doch es sollte Kulturen und deren Religionen schwieriger gemacht werden, menschenrechtsverletzende Lebensregeln als Wille Gottes zu präsentieren und ihren Heranwachsenden zu lehren.

 

Ist die Welt in den letzten Jahren insgesamt schlechter geworden?

 

Stadler: Ich habe die vergangenen 20 Jahre wissenschaftlich und technisch als Fortschritt wahrgenommen. Auf geistiger Ebene, so scheint es mir, ist – mindestens ausserhalb Europas – das naive «Glauben wollen» – sei es an Götter, Autoritäten oder an Veganismus – auf dem Vormarsch. Dabei brauchte die Welt dringlicher mehr rationale Menschen mit Verstand und Mitgefühl, die aufgrund von konkretem Wissen die Zukunft ansteuern wollen. Das kritische wissenschaftliche Denken ist es, welches alle ernstzunehmenden Universitäten sämtlicher Kulturen miteinander verbindet und die Menschheit über alle kulturellen und religiösen Unterschiede hinweg einigen und vorwärtsbringen kann. Auch hier in Wil.

 

Fühlen Sie sich als Schweizer oder sogar als Wiler?

 

Stadler: Die Identitätsfrage wird zu oft auf Nation, Hautfarbe, Sprache oder Religion reduziert. Bei Personen, die international arbeiten und leben, beruht die Identität wohl stärker darauf, was sie in ihrem Leben alles erfahren und durch ihre Arbeit bewirkt haben. Ich bin als Teenager in Wil aufgewachsen. Das macht die Äbtestadt für mich einmalig. Doch mit dem Älterwerden wird es weniger bedeutend, dass ich hier aufgewachsen bin, selbst dass ich einen Schweizer Pass besitze. Es soll nicht undankbar klingen, doch eine echte Identität braucht nicht unbedingt ein Vaterland. Andere Lebensphasen haben ähnlich starke Spuren in meiner Identität hinterlassen wie der Sonnenhof in Wil: Die Reislandschaften Kambodschas, die multikulturelle Metropole Bangkok, Manhattan oder Paris.

 

Zur Person (Ursula Ammann):

 

Toni Stadler (Jahrgang 1947) ist in Braunau (TG) und Wil (SG) aufgewachsen. Er machte eine Lehre zum Radio- und TV-Elektriker bei Helbling AG in Wil. Danach reiste er nach Kanada, wo er in dem Beruf arbeitete. Zurück in der Schweiz, holte er die Matura nach und studierte danach in Zürich und Paris Biologie und Kolonialgeschichte. Danach war er als Journalist beim «Tagesanzeiger-Magazin» und als Buchautor tätig. Es folgten zwanzig Jahre im internationalen Dienst für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, die UNO und die Schweizer Regierung in Irak, Kambodscha, Angola, ex-Zaire, Ruanda, New York und Paris. Die letzten acht Jahre vor der Pensionierung arbeitete er als Delegierter bei der OECD in Paris und als Leiter der EDA/DEZA-Abteilung "Analyse und Politik" in Bern. Heute lebt Toni Stadler in Lausanne. Mit seiner Lebenspartnerin hat er einen 19jährigen Sohn und eine 15jährige Tochter.

 

Global Times, ein Roman über das Leben moderner Nomaden (Ursula Ammann):

 

Den roten Faden im Roman «Global Times» bildet ein Fest. Es ist das «Fest zur Lebensmitte», das Hauptprotagonist Marius B. in seinem Ferienhaus am Genfersee veranstaltet. Dort verbringt der 45-Jährige – nachdem er 20 Jahre für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und die UNO in Kriegsgebieten gearbeitet hat, ein Sabbatical-Jahr. Zum Fest lädt Marius B. Freunde und Bekannte aus der ganzen Welt ein. Es sind erfolgreiche Berufsleute – sei es der Airbus-Ingenieur Raul oder die Wissenschafterin Kahina – die sich täglich in der globalen Welt behaupten. Es sind aber auch Leute, die zur falschen Zeit am falschen Ort geboren worden sind – so wie der irakische UNO-Chauffeur mit Namen Serhildan, mit dessen tragischem Tod das Fest zur Lebensmitte endet. Als Ich-Erzähler schildert Marius B. seine Erlebnisse im internationalen Dienst und die Begegnungen mit den «globalen Nomaden». Er gibt dabei nicht nur Einblicke in deren Berufsleben, sondern zeigt auch auf, wie sie sich in Liebesdingen und Familienangelegenheiten zurechtfinden. 

 

 

 

Buchkritik.at:

 

Die Welt dieser weltläufigen Privilegierten gelingt dem Autor ganz hervorragend...

 

Von Hans Durrer am 17.12.2015

 

„Global Times“ sei „die Geschichte von Frauen und Männern aus verschiedenen Kontinenten, die sich nicht gegen die Globalisierung wehren, sondern eine sinnvolle Rolle in ihr suchen und – mit einer Ausnahme – auch finden“, lese ich auf der vierten Umschlagseite. Und auch, dass es sich um einen dokumentarischen Roman handle (ein Begriff, der mir bis dahin nicht bekannt war; gemeint ist wohl, dass die geschilderten Ereignisse und Personen – von Sergio de Mello zu Jan Ekengren – real sind), der eine Lanze breche „für das genaue Denken und Fühlen, für eine kraftvolle Weiterführung der Aufklärung also, im Westen, in China, und in der übrigen Welt.“
 
Ich bin froh, habe ich diese Infos erst gelesen, als ich schon mitten in der Lektüre steckte, denn das Buch liest sich wesentlich besser, als diese unbedarften Worte. Aufklärung in China? Soll das ein Witz sein? Und in der übrigen Welt? Vielleicht in Saudi Arabien? Sollten die Frauen und Männer in dieser Geschichte wirklich eine sinnvolle Rolle in der Globalisierung gesucht und gefunden haben, so liesse sich fragen, ob das finanziell abgesicherte Leben als internationale Bürokraten, Militärs, Banker, Ingenieure oder Ausstellungsmacher als sinnvoll gelten kann? Die Frage stellt sich ja bei internationalen Bürokraten nicht zuletzt deshalb, weil internationale Organisationen (wie Organisationen überhaupt) in erster Linie für sich selber, also für das Ansehen und das Wohl der jeweiligen Organisation und ihrer Mitarbeiter, da sind.
 
Marius B., ein wohlsituierter 45Jähriger („Um 45 misst man sich an seinen erfolreichen Bekannten“ – das scheint nicht ironisch gemeint), lädt am Ende eines Sabbatical am Genfersee zu einem Fest der Lebensmitte ein, zu dem natürlich, neben Kofi Annan und vielen Freunden und Freundinnen, auch Marius' persönlicher Fahrer, Übersetzer und Tennispartner im Irak eingeladen wird (Marius kommt überdies für des Fahrers Kosten auf; aufgeschlossener geht es kaum). Die Welt dieser weltläufigen Privilegierten gelingt dem Autor ganz hervorragend. Die geschilderten Figuren sind intelligent und tolerant (gelegentliches LSD, offene Ehen, viel gepflegtes Geplauder) und haben sich im System nicht nur erfolgreich eingerichtet, sondern garantieren auch, aus Eigeninteresse und natürlich nicht unkritisch, das versteht sich, seinen Bestand. Wunderbar absurd fand ich das ausufernde Name-Dropping, das der Autor Marius B. im Traum unterschiebt: Dieser wähnt sich an Bord des im Juni 2009 abgestürzten Air France Fluges 447 von Rio de Janeiro nach Paris, wo er unter anderem auf Saddam Hussein, Jeffrey Sachs und Roméo Dallaire trifft. Es ist eine geballte Ladung Bildungsbürgertum (Meinungen zu den Impressionisten, San Franciscos hippem Spiessertum, dem „Human Brain Project“, der Drogenpolitik, Flugzeugtechnik, den vergangenen 2000 Jahren etc. etc.), die da auf einen niederprasselt; der Mut zur Lücke geht dem Autor eindeutig ab. Dafür entschädigt er einen immer wieder durch clevere Beziehungseinsichten: „Wer sich einmal nah war, ist schnell wieder dort.“ Oder: „Wer nichts begehrt, kann zärtlich sein.“
 
„Global Times“, das sich streckenweise als veritable Tour d'Horizon zu den Konfliktherden der letzten dreissig Jahre liest – von der thailändisch-kambodschanischen Grenze zu den Kurden im Irak zum zentralafrikanischen Bangui bis ins ruandische Kigali – , ist ein Dokument des lust- und freudvollen Nachdenkens über Alles und Jedes, quer durch alle sogenannten Wissensdisziplinen und mit dem Akzent auf der Globalkultur, deren Grundlage die Menschenrechte sein müssten, mit dem Zusatz: „Die Trennung von Religion und Staat, Gesetz statt Macht, gleiche Rechte für alle, gleiche Chancen für alle, und das weltweit.“ Nicht zuletzt ist „Global Times“ auch ein klares und deutliches Plädoyer dafür „mit dem Dogma Schluss zu machen, dass alles, was sich Kultur und Religion nennt, respektiert werden muss.“ Und wirbt dafür, den Grundgedanken der Aufklärung praktisch umzusetzen. „Ob Muslim, Christ oder Hindu: wer wörtlich an unveränderbare Bücher aus vergangenen Zeiten glaubt, muss dringend dazu eingeladen werden, sich seiner Vernunft zu bedienen.“ Fraglich ist nur, ob so eine Einladung reicht. Faulheit und Feigheit hat Kant bekanntlich als die Ursachen bezeichnet, weshalb der Mensch es vorzieht, lieber nicht selber zu denken. Es ist zu befürchten, dass sich diesbezüglich seit 1784 wenig geändert hat.

 

 

 

Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Der Bund,

Berner Zeitung, Gespräch vom 10. Oktober 2015:

 

«Ab einer gewissen Zahl bricht

jedes Asylwesen zusammen»

 

Interview: Felix Schindler.

 

Toni Stadler arbeitete während Jahren in Flüchtlingslagern in Krisenherden auf der ganzen Welt. Heute sagt er, Migration sei keine Lösunng um die Unterchiede zwischen Arm und Reich zu mindern. Toni Stadler war 27 Jahre lang im internationalen Dienst tätig, namentlich für das IKRK, UNHCR, UNDP und das EDA/Deza und als Delegierter bei der OECD. Er arbeitete in Thailand, im Irak, in Kambodscha, Angola, Zaire, Ruanda, New York und Paris. Zwischen 2008 und 2012 war Stadler Leiter der Deza-Abteilung «Analyse und Politik» zur Zeit von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey. Heute lebt er als unabhängiger Publizist in Lausanne und ist Autor des Romans «Global Times» (2015), der die weltweite menschliche Mobilität thematisiert.

 

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel beschwört ihr Volk, dass die Flüchtlingskrise zu meistern sei. Bei einem Interview bei Anne Will sagte Merkel während einer Stunde in allen Variationen: «Wir werden das schaffen.» Schaffen die das?

 

Ich weiss nicht genau, was die Kanzlerin schaffen will. Die Flüchtlingskrise ist nicht eine Aufgabe, die man lösen kann und dann ist sie erledigt. Flüchtlinge, Kriegsvertriebene und Arbeitsmigranten sind heute so mobil wie nie zuvor. Wenn man sie alle willkommen heisst, namentlich auch Migranten aus Flüchtlingslagern, dann zieht das auch jene an, die sich nach einem Leben in der Wohlstandsgesellschaft sehnen. Wenn Angela Merkel jetzt eine Million Migranten willkommen heisst, dann verschiebt sie die Lösung des Problems einfach auf den Moment, an dem die zweite Million an der Grenze steht.

 

Deutschland lässt illegale Einwanderer zu und lehnt einen Aufnahmestopp ab. Also halten Sie das für den falschen Weg.

 

Man kann sicher nicht einfach die Grenzen für alle Migranten schliessen. Europa muss nach dem Völkerrecht Flüchtlinge schützen und aufnehmen und Kriegsvertriebene temporär aufnehmen. Was an der deutschen Position stört, ist, dass sie nicht mit der ganzen Europäischen Union abgestimmt ist.

 

Sie schrieben kürzlich in einem Beitrag in der NZZ, die EU komme nicht darum herum, ihre Aussengrenzen so dicht zu schliessen wie die USA oder Kanada. Ist das angesichts des Leids von Millionen von hilfesuchenden Menschen nicht zynisch?

 

Nein, ist es nicht. Es gibt schlicht keine Alternative dazu. Ab einer gewissen Zahl von Migranten bricht das Asylwesen jedes Landes zusammen. Ausserdem kann es bei einem Krieg nicht darum gehen, möglichst viele Menschen an einen Ort möglichst weit vom Kriegsgebiet entfernt zu versetzen. Dieses Narrativ stört mich. Das Ziel muss sein, den Krieg zu beenden und die Kriegsvertriebenen zu repatriieren.

 

Menschen in Not zu helfen und sich für die Beilegung eines Konfliktes zu engagieren, schliesst sich nicht aus.

 

Doch, auf vertrackte Art manchaml schon. Es sind immer die aktivsten und gebildetsten Menschen, die aus Bürgerkriegen flüchten, Tausende Kilometer reisen und dabei ihr Leben riskieren. Damit wird der Opposition Kraft entzogen. Ausserdem fehlen diese Menschen später, um nach dem Krieg wieder einen Rechtsstaat zu installieren und das Land wiederaufzubauen.

 

"Doch dieses Problem löst man nicht, indem man die Grenzen schliesst..."

 

"Nein. Aber indem man im betroffenen Land oder möglichst nahe am Land Schutzzonen einrichtet. Wenn sich Menschen drei Jahre in einem Flüchtlingslager aufhalten, bleiben sie mit dem Heimatland in Kontakt und werden auf die Rückkehr nach dem Kriegsende vorbereitet. Wenn sie drei Jahre in Berlin leben, werden sie auf ein Leben in der Wohlstandsgesellschaft vorbereitet.

 

Ein Flüchtlingslager für vier Millionen Syrer? Wie soll das konkret funktionieren?

 

Das Konzept ist erprobt. Im Golfkrieg 1991 errichtete man erfolgreich eine Schutzzone für Kurden im Nordirak. Bereits heute sorgt das UNHCR für die Sicherheit und den Unterhalt von 2 Millionen syrischen Flüchtlingen in der Türkei und in Jordanien. Sie wohnen zum Teil in Lagern, zum Teil bei Privaten. Ausserdem verwahre ich mich gegen das Klischee, dass Flüchtlingslager Orte sind, in denen Menschen per se leiden oder gar sterben. In einem gut geführten Flüchtlingslager können die Menschen in Würde leben und die Kinder zur Schule gehen. Flüchtlingslager kosten Geld, nicht die Türkei soll dafür aufkommen müssen, sondern die Golfstaaten und die OECD-Länder.

 

Sie monieren auch, dass Öffentlichkeit und Medien den Flüchtlingsbegriff unscharf verwenden. Haben nicht alle Menschen Anrecht auf ein menschenwürdiges Leben?

 

Natürlich, aber bei einem Problem dieser Grösse und Komplexität kommt die Internationale Gemeinschaft nicht darum herum, Regeln festzuschreiben und Kategorien zu schaffen. Es gibt Menschen, die gemäss der Definition der Flüchtlingskonvention (Rasse, Hautfarbe, Religion, Kultur, politische Gesinnung) verfolgt sind und unseren Schutz brauchen. Es gibt Menschen, die vor Kriegshandlungen fliehen und möglichst nahe vor Ort temporär geschützt und versort werden müssen. Und es gibt Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Man muss diese drei Kategorien separat behandeln.

 

Warum?

 

Vor allem wegen der Sogwirkung auf Nachahmer der dritten Kategorie. Menschen, die gemäss Völkerrecht Anspruch auf Asyl haben, gibt es nicht in beliebiger Zahl. Damit kann Europa umgehen. Arbeitsmigranten gibt es theoretisch Milliarden. Wenn man sie mit der gleichen Grosszügigkeit aufnimmt, ziehen sie weitere nach.

 

Also geht es darum, dass wir reiche Schweizer uns die armen Ausländer vom Leibe halten müssen, weil wir um unseren Wohlstand fürchten?

 

Der Einwand ist berechtigt, meine Argumentation erweckt diesen Anschein. Doch es geht um etwas anderes: Migration kann die grundlegenden Unterschiede zwischen Armen und Reichen, zwischen Kriegsversehrten und Kriegsverschonten, nicht beseitigen. Diese Unterschiede müssen mit Entwicklungshilfe und politischen und wirtschaftlichen Reformmassnahmen in den betroffenen Ländern abgebaut werden. Nicht indem man möglichst viele Arme in reiche Länder umsiedeln lässt.Hätten Sie ein Asylmoratorium unterstützt, das die SVP vergeblich durchsetzen wollte? Sicher nicht. Das Migrationsproblem ist gegenwärtig derart komplex und im Fluss, dass man mit fixen Zahlen nur unsere notwendige Flexibilität über Bord werfen würde. Im Übrigen würde ein Asylmoratorium der Schweiz das Völkerrecht verletzen.

 

Hätten Sie ein Asylmoratorium unterstützt, das die SVP vergeblich durchsetzen wollte?


Sicher nicht. Das Migrationsproblem ist gegenwärtig derart komplex und im Fluss, dass man mit fixen Zahlen nur unsere notwendige Flexibilität über Bord werfen würde. Im Übrigen würde ein Asylmoratorium der Schweiz das Völkerrecht verletzen.

 

Bei der Diskussion um Flüchtlinge fokussiert die SVP auf Missbräuche und die Grenzen der Kapazität, die SP auf Solidarität und die humanitäre Tradition der Schweiz. Was halten Sie von diesen Diskussionen?

 

Max Frisch sagte treffend: Wir wollten Arbeitskräfte, es kamen Menschen. Heute wollen wir nur echte Flüchtlinge, doch es kommen Menschen, unter denen einige lügen und Pässe fälschen. Es scheint mir wichtig, die Migrationsproblematik weniger mit dem Gefühl und mehr mit dem Verstand anzugehen. Auf die aktuelle Situation bezogen hiesse dies, dass wir auf technische Probleme mit technischen Lösungen reagieren sollten, auf menschliche Probleme mit Menschlichkeit. Hilfreich dafür wäre natürlich, wenn man das Thema Migration so weit als möglich aus dem Links-rechts-Schema heraushalten könnte.

 

Trotzdem, wie viele Migranten kann die Schweiz verkraften?

 

Das weiss wohl niemand. Bei der OECD hiess es vor ein paar Jahren, dass, wenn die Zahl von Einwanderern in etablierte Gesellschaften eine gewisse Schwelle übersteigt, der Goodwill in der Bevölkerung verloren gehe und damit gefährliche Gegenreaktionen zu befürchten seien. Diese Schwelle dürfte heute in Ländern wie Dänemark oder der Schweiz irgendwo zwischen 25 und 30 Prozent liegen. Es muss uns heute darum gehen, einerseits den Goodwill der Schweizer Bevölkerung mit transparenter Information zu pflegen, andererseits aber zu akzeptieren, dass die Quantität eine Rolle spielt.

Neue Zuger Zeitung, Interview 13. November 2015:

 

 

Berner Zeitung, Interview Christoph Aebischer, 7.11.2016:

Lieb sein zu jedem Migranten ist kein Migrationskonzept

 

 

Sie leben als Deutschschweizer in Lausanne. Weshalb?


Toni Stadler: Das ergab sich. Ich bin mit einer Amerikanerin verheiratet, die in Hawaii aufwuchs. Da half, dass es am Genfersee einige Palmen gibt. Zudem besuchten unsere Kinder an den verschiedenen Arbeitsorten in Afrika, Amerika und Europa französische Schulen, und ich konnte von Lausanne aus nach Bern pendeln, wo ich zuletzt arbeitete.

Internationaler als am Genfersee ist die Schweiz nirgends. Am Lausanner Bahnhof tummeln sich auch viele Flüchtlinge. Suchen Sie als früherer Ent­wicklungshelfer das Gespräch mit ihnen?
 

Ich spreche viele an, zum Beispiel im Bus. Oft sind es Eritreer.

 

Weshalb tun Sie das?


Ich möchte wissen, warum sie in die Schweiz gekommen sind. Eritrea ist eine sozialistische Diktatur mit einem obligatorischen Nationaldienst. Wer ihn verweigert, wird zum Kriminellen.

Glauben Sie, was die Flüchtlinge Ihnen erzählen?


Ein Asylbewerber wird immer das sagen, was ihm im Gastland nützt. Das ist kein Vorwurf. Aber Migranten bloss als Opfer zu sehen, ist falsch.

Und die Eritreer?


Dienstverweigerung allein ist kein Asylgrund. Der Entscheid der Asylrekurskommission von Ende 2005, wonach Militärdienstverweigerer in Eritrea po­litisch verfolgt werden, führte zur Zunahme der Asylsuchenden.

 

Müssten sie Ihrer Meinung nach zurückgeschafft werden?
 

Ich kenne Eritrea zu wenig. Ein solcher Entscheid hängt von der Versicherung der dortigen Regierung ab, die Migranten zurück­zunehmen und sie menschlich zu behandeln. Die rund 15 000 jungen Männer sind von der beruflichen Qualifikation her aber nicht leicht zu integrieren bei uns.

 

Wer nicht hierhinpasst, soll auch nicht bleiben dürfen?
 

Wer arbeits- und integrationswillig ist, passt nach Europa. Doch es geht auch um die Anzahl. Allzu viele Europäer unterschätzen den Einwanderungsdruck aus Afrika und Vorderasien. Das Potenzial an Nachahmern ist praktisch unbegrenzt. Niemanden an der Grenze abzuweisen, ist deshalb ein untaugliches Konzept.

 

Sie sind sich also einig mit Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Polen? Diese Länder wollen die Grenzen schliessen.


Nur insofern, als die irreguläre Migration nach Europa unter Kontrolle gebracht werden muss. Den Brexit gäbe es nicht, wenn die EU ihre Aussengrenzen im Griff gehabt hätte. Wenn man nicht mehr bestimmen kann, wer aus Drittstaaten einwandert, erstarken die extremen Rechts­parteien. Das ist gefährlich.

 

Also doch Grenzen dicht­machen?


Eine mögliche Lösung wäre nicht diejenige des ungarischen Mi­nisterpräsidenten Viktor Orban, sondern eher jene Nordamerikas. Unter der ersten Regierung Clinton schlossen die USA die Grenze zu Mexiko für irreguläre Ein­wanderung. Als Asylsuchender gilt seither, wer sich ausserhalb des Landes an ein US-Konsulat oder eine US-Anlaufstelle in einem Vertriebenenlager wendet. Wer ohne Visum die Grenze überquert, wird ausgeschafft. In den USA selbst gibt es also keinen Flüchtlingsbefragungsapparat.

Sie wollen das 2013 abge­schaffte Botschaftsasyl zurück?


Ja, für ganz Europa. Es ist konform mit der Flüchtlingskon­vention, würde den Schlepperbanden das Handwerk legen, und weniger Migranten würden im Mittelmeer ertrinken.

Damit ist das Problem der Zehn-, ja Hunderttausenden von Flüchtlingen, die in Afrika und Vorderasien nur auf ihre Chance warten, nicht gelöst.


Ein Botschaftsasyl der EU, kon­sequent kommuniziert, würde den Zustrom vermindern. So­lange die Unterschiede zwischen Reich und Arm gross sind, kann es keine weltweite Niederlassungsfreiheit geben. Dies ist kein Plädoyer für Isolationismus oder Abschottung.

Das klingt irgendwie eigennützig...

 

Eigennutz per se ist keine Sünde. Wenn Ent­wicklungshilfe den Migrationsdruck auf Europa verringern kann, soll man sie dafür einsetzen.

 

Wir wählen aus, wer uns nützt? Das ist zynisch.


Einwandernde nach gewissen Kriterien auszulesen und ihre Zahl zu begrenzen, ist nicht zynisch, sondern realistisch.

Sie widersprechen sich. An anderer Stelle haben Sie kritisiert, dass mit einer solchen Selektion jene im Herkunftsland fehlen, die es aufbauen könnten.


Nicht, wenn man die dringend im Herkunftsland benötigten ­Berufsleute – Ärzte, Krankenschwestern, Lehrerinnen – von der Einwanderung nach Europa ausschliesst.

Dürfen wir uns von der Lösung der Probleme vor Ort ab­koppeln?


Nein. Migration lässt sich nicht als unabhängiges Phänomen begreifen. Wer seine Landesgrenzen kontrolliert, muss sich gleichzeitig überlegen, wie er die internationale Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern der Migranten gestaltet, um die Wohlstandsunterschiede zu reduzieren.

 

Tun wir genug?
 

Die OECD-Länder, zu denen die Schweiz gehört, geben dieses Jahr rund 136 Milliarden Dollar für Entwicklungszusammenarbeit aus.

Trotzdem sind heute so viele Flüchtlinge unterwegs wie nie zuvor.


Das ist ein Argument von SVP-Nationalrat Roger Köppel: Die Menschen, die nun vor den Haustüren Europas stünden, seien die Bankrotterklärung von fünfzig Jahren Entwicklungszusammenarbeit. Etwas an solch plakativen Äusserungen stimmt meistens. Die irreguläre Migration nach Europa lässt sich nur durch ein strengeres Regime an den Aussengrenzen stoppen.

Migranten wollen doch bloss eine bessere Zukunft für sich und für ihre Kinder.


Asylsuchende, die durch Schlepperbanden an unsere Landesgrenzen gelangen, sind meist nicht die wirklich Armen. Dass Eltern 1000 Dollar aufbringen, um unmündige Kinder allein auf den gefährlichen Weg nach Europa zu schicken, ist nicht nur eine Tragödie, sondern Kindesmissbrauch. Die bessere Zukunft für Kinder muss in Afrika und in Vorderasien geschaffen werden.

SVP und FDP wollen Entwicklungszusammenarbeit an Forderungen an die Empfängerländer koppeln. Stimmen Sie dem zu?


Teilweise. Nur überschätzen sie unseren Einfluss auf Regierungen, die skrupelloser sind als wir. Eritrea etwa liesse sich wohl nur durch ein koordiniertes Vorgehen aller OECD-Staaten dazu bewegen, seine Nationaldienstverweigerer zurückzunehmen und menschlich zu behandeln.

Es ist Zeit für eine Klärung: Was ist Entwicklungszusammenarbeit, und was ist humanitäre Hilfe?
 

Internationale Zusammenarbeit fördert eine nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation armer Menschen. Humanitäre Hilfe unterstützt an Leib und Leben bedrohte Menschen.

Zum Beispiel mit Flüchtlings­lagern. Solche leiteten Sie. Vor diesem Hintergrund fordern Sie, dass Kriegsvertriebene gar nicht erst nach Europa gelangen, sondern in Lagern unterkommen.
 

Nehmen Sie die Stadt Mosul im Irak, die dieser Tage militärisch vom IS befreit werden soll. Für die über eine Million irakischer Zivilisten hat das UNHCR in 50 Kilometern Entfernung Flüchtlingslager vorbereitet. Kriege sind schrecklich. Einem Teil der Zivilisten wird die Flucht in die Lager gelingen, und wenn die Stadt zurückerobert ist, werden sie zurückkehren.

In die Ruinen?


In ihre hoffentlich nur teilzerstörten Häuser. Mosul ist eine relativ wohlhabende und schöne Stadt am Tigris. Kriegsschäden wird man danach beheben ­müssen.

Sie tönen recht hart und nüchtern. Hat Sie die Arbeit in Krisengebieten verändert?


Das IKRK war für mich insofern eine gute Schule, als ich lernte, dass nicht mein guter Wille zählt, sondern das bestmögliche Re­sultat. Es war ein gutes Gefühl, dass meine Arbeit anderen half, mit Zelten, Trinkwasser, Nahrung, Schulen, polizeilichem Schutz. Dass man als IKRK-Delegierter oder UNO-Angestellter gegenüber Kriegsvertriebenen auch harte Regeln anwenden musste, hat mich menschlich und politisch nicht härter, sondern vermutlich klarer gemacht. Lieb sein zu jedem Migranten ist kein Migrationskonzept.

 

Was war Ihre Motivation, als Sie 38-jährig in den internationalen Dienst eintraten?
 

Eine sinnvolle Arbeit? Eine in­teressante Arbeit? Das Einge­bettetsein in eine global tätige Organisation? Von all dem etwas. Mein wohl wirkungsvollster Einsatz fand in Kambodscha statt. Als gegen eine Million Menschen nach zehn Jahren in Flüchtlingslagern in ihre Dörfer zurückkehrten. Die UNO half ihnen, ihre Felder zu entminen, die Häuser wieder instand zu stellen, ihre Kinder in die Schule zu schicken und mit dem Leben fortzufahren.

 

Die Kosten trug die inter­nationale Gemeinschaft.


Ja. Das war richtig so.

Kehren wir zurück zur Ent­wicklungszusammenarbeit, die eigentlich humanitäre Krisen verhindern sollte. Zweifel an der Wirksamkeit sind berechtigt.


Ich will die internationale Zusammenarbeit nicht stärker verteidigen, als sie es verdient. Viele Entwicklungsprogramme, selbst in Afrika, verbesserten das Leben von Millionen, wenngleich oft nur punktuell. Doch fünfzig Jahre internationale Zusammenarbeit in Schwarzafrika haben es nicht geschafft, die Qualität des Regierens signifikant zu verbessern, das Bevölkerungswachstum von zwischen fünf und sechs Kindern pro Frau zu senken und die Rechtssicherheit so weit zu verbessern, dass globale Konzerne dort in die industrielle Produktion von Gütern investieren.

Geberländer konnten diese Probleme nicht lösen, wie Sie richtig sagen. Was heisst das nun?
 

Vielleicht sollte man die lang­fristige bilaterale Entwicklungszusammenarbeit, etwa in Asien oder Lateinamerika, tatsächlich auslaufen lassen und sich, zusammen mit den grossen europäischen Entwicklungsagenturen, verstärkt auf die kurzfristigen Probleme in unserer Weltgegend konzentrieren.

Das wäre eine Kehrtwende. Heute steht genau länger­fristiges Engagement im Vordergrund.


Ein Rückzug aus Asien und Lateinamerika wäre kein Rückzug der Schweiz aus jenen Kontinenten. Via UNO, Weltbank und Regionalbanken blieben das Seco und die Deza in fast jedem Entwicklungsland engagiert.

 

Soll das Parlament die Gelder im Budget kürzen, so wie dies SVP und FDP im Juni wollten?
Nein.

 

Ein reiches Land wie die Schweiz kann sich 0,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts für Auslandhilfe leisten.

 

Aber die anvisierten 0,7 Prozent sind zu viel?


Ich würde in der heutigen politischen Situation nicht provozieren. Dafür sollen die Mittel, wie erwähnt, auf die Probleme vor der Haustüre fokussiert werden.

Genau dieser Vorschlag kam von rechtsbürgerlicher Seite . . .
 

In diesem Punkt hat die SVP recht. Wenn Entwicklungshilfe den Migrationsdruck auf das extrem exponierte Europa verringern kann, soll man sie dafür ein­setzen.

Ist das innert nützlicher Frist möglich?


Nein. Deshalb ist es notwendig, die irreguläre Einwanderung nach Europa zu verhindern.

 

Sie sind aus dieser Optik wohl auch für einen Ausbau der in­dividuellen Hilfe, dank der Rückkehrer wieder Fuss fassen können.


Sicher. Abgewiesene Asylsuchende sollten zurückgeflogen und in ihrem Herkunftsland für eine gewisse Zeit unterstützt werden.

Gibt es weitere Schwerpunkte in Ihrer internationalen Zu­sammenarbeit der Zukunft?
 

Ich glaube, es ist vielen noch zu wenig bewusst, was die Klima­erwärmung für sieben Milliarden zumeist sesshafter Menschen bedeutet. Wegen Wasserüberfluss oder Wassermangel dürfte es in Zukunft zu Bevölkerungsverschiebungen kommen, die weit über die gegenwärtige Migration hinausgehen. Darauf müssen wir uns einstellen.

 

Sie haben ihre Arbeit im internationalen Dienst in Ihrem Roman «Global Times». Dort skizzieren Sie eine globale Kultur. Eine utopische Vision?


Die zunehmende Mobilität wird eine Art Mischkultur zur Folge haben, ob uns das gefällt oder nicht.

 

Reisen können nur jene, die Geld haben.


Global mobil arbeiten zu können, mag ein Privileg sein. Dennoch, selbst in Lausanne gibt es phi­lippinische Hausangestellte, die jährlich in ihre Heimat fliegen.

In Ihrem Buch rechnen Sie mit Expatriierten ab.


In «Global Times» schildere ich ein Milieu, das ich kenne.

Ihre Figuren changieren zwischen Held und Hedonist mit einem Hang zur Geltungssucht und zum Opportunismus.
 

Natürlich tun das einige meiner Buchfiguren. Es sind schliesslich widersprüchliche Zeitgenossen unserer «Anything goes»-Gegenwart: überehrgeizig, engagiert, auf der Suche nach Lebenssinn, aber auch statusbewusst, opportunistisch oder kaputt, wie das Liebesleben eines der Paare zeigt.

Ist eine Globalkultur überhaupt erstrebenswert?


Sie wäre ein Verlust an Vielfalt und Diversität. Wenn man sich aber bewusst macht, in wie vielen Konflikten und Kriegen verschiedene Kulturen und Religionen von den Mächtigen instrumentalisiert worden sind, kann man eine Reduktion der kulturellen Vielfalt auch als Vorteil sehen.

In der Schweiz besinnen sich viele angesichts der Globalisierung zurück auf Traditionen.
 

Es gibt einen Widerspruch zwischen Globalisierung und Heimatgefühl. Das erlebe ich in der eigenen Familie. Wir leben in einer gewissen Weise als Expa­triierte. Meiner Partnerin gefällt gerade, dass sie in Lausanne nicht Schweizerin sein muss. Mich selbst stört Patriotismus nicht, solange er nicht überbordet.

 

Swissness ist okay?
 

Liegt an der Grenze zur Überheblichkeit. Für das Uhrenmarketing mag der Begriff angehen.

 

Brauchen wir nicht etwas, an das wir uns halten können: Wurzeln?


Sicher brauchen wir ein Land mit guten Schulen, Krankenversorgung, Pensionskassen und Jobs für die Kinder. Was Europäer an nationaler Identität pflegen, wurde im 19. Jahrhundert kreiert. Ich frage mich heute, was Heldengeschichten, die sich vor Hunderten von Jahren zutrugen, zur Identität beisteuern. Für meine Identität ist wichtiger, was ich im Leben erlebt und getan habe, was mir gelungen oder misslungen ist. Diese Identität ist unabhängig von einer Kultur oder einem Vaterland. Wer wie wir interkulturell verheiratet ist, wird automatisch weniger patriotisch. Gäbe ich den superpatriotischen Schweizer, wäre der Familienkrach da.

 

Im Zusammenhang mit eingewanderten Muslimen reden wir vermehrt über hiesige Werte. Was machen diese aus?
 

Ich rede nicht gern von hiesigen Werten. Es gibt auf der Welt viele ähnlich offene Gesellschaften wie die Schweiz. Doch selbst eine offene Gesellschaft setzt Regeln, an die sich auch Migranten aus islamischen Ländern halten müssen: Geschlechtergleichstellung, begrenzte Macht der Eltern über ihre Kinder, Religionsfreiheit ab 16 Jahren und so weiter. Wenn Salafisten meinen, sie müssten hier ihre Lehre ausbreiten, die eben mehr als eine Religion ist, nämlich eine Gesellschaftsordnung, muss man sie stoppen.

Wie? Müsste der Islam staatlich anerkannt und Imame hier ausgebildet werden?


Es braucht ein neues Religionsgesetz. Mit einem Artikel, der das Predigen von menschenrechtsverletzenden Aussagen unter Strafe stellt. Von Imamen sollte verlangt werden, dass sie sich von der Scharia als Rechtsordnung distanzieren.

Müssen Imame deutsch predigen?


Unbedingt.

Müssen sie in der Schweiz ausgebildet werden?


Imame an Schweizer Universitäten auszubilden, wäre die zweitbeste Lösung. Die beste wäre eine vollständige Trennung von Kirche und Staat wie etwa in den Kantonen Genf oder Neuenburg.

Einen Vorteil hätte ein staatlich anerkannter Islam: Seine Institutionen wären zu mehr Transparenz verpflichtet.
 

Mit entsprechenden Gesetzen könnte man auch von den Trägervereinen Rechenschaft einfordern. Verweigern sie volle Transparenz, müssen sie überwacht werden. Es grenzt an Gleichgültigkeit, wenn Europäer nach den Anschlägen in Paris, Brüssel oder Nizza noch immer sagen, man dürfe salafistische Moscheen nicht systematisch überwachen.

Es gibt Stimmen wie jene von CVP-Präsident Gerhard Pfister, die sagen, der Islam sei nicht reformfähig und passe deshalb auch nicht hierher.


Zwei Drittel aller Muslime leben in Ländern, wo Staat und Kirche getrennt sind, zum Beispiel in Indonesien. Weniger als ein Drittel leben in salafistischen Ländern, wo die Scharia Gesetz ist. Es ist diese unzeitgemässe Form des ­Islam, die nicht in die moderne Welt passt.

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